Dierk Berthel

Dierk Berthel

Quelle: Wikipedia

Dierk Berthel – Bildhauer zwischen Raum, Material und Klang

Ein Künstler, der Räume öffnet: Der fränkische Bildhauer mit Sinn für Form, Handwerk und gesellschaftliche Relevanz

Dierk Berthel, 1963 in Schweinfurt geboren, zählt zu den prägenden Bildhauern aus Unterfranken. Ausgebildet als Steinmetz und Steinbildhauer und seit 1986 freischaffend tätig, entwickelt er Skulpturen und Installationen aus Metall, Stein und Holz, die Orte bewusst verwandeln und das Verhältnis von Körper, Raum und Wahrnehmung neu verhandeln. Sein Werk umfasst Kunst im öffentlichen Raum, Kunst am Bau, plastische Eingriffe in Sakral- und Stadträume sowie druckgrafische Arbeiten. Mit unbedingter Verbundenheit zum Handwerk, klarem Formbewusstsein und einer experimentellen Offenheit – bis hin zu Klangprojekten – verbindet Berthel künstlerische Entwicklung mit gesellschaftlichem Engagement.

Biografie und Ausbildung: Von der Werkbank in Schweinfurt zur freien Bildhauerei

Aufgewachsen als Sohn eines Architekten, fand Berthel früh einen Zugang zu Konstruktion, Statik und Raum. Von 1978 bis 1981 absolvierte er eine Steinmetz- und Steinbildhauerlehre bei Julius Katzenberger. Es folgte die Fachschule für Bildhauer in Aschaffenburg (1984–1986), wo er als Meisterschüler von Erwin Rager und Ernst Vollmer seine handwerkliche und künstlerische Expertise vertiefte und mit Meisterbrief abschloss. Seit 1986 arbeitet er als freier Bildhauer. Er lebt und arbeitet in Rannungen im Landkreis Bad Kissingen; die Verwurzelung in Franken, verbunden mit internationaler Ausstellungs- und Symposiumstätigkeit, bildet einen roten Faden seiner Musikkarriere im übertragenen Sinn der künstlerischen Laufbahn – eine kontinuierliche künstlerische Entwicklung mit prägnanter Bühnenpräsenz im öffentlichen Raum.

Künstlerische Entwicklung: Materialästhetik, Konstruktion und die Poetik des Raums

Berthels Skulpturen thematisieren die Spannung zwischen konstruktiver Präzision und archaischer Wirkung. Typisch ist das Zusammenführen von Holz und Eisen, von behauenem Stein und brüniertem Stahl. Das kompositorische Arrangement folgt einer klaren Formdramaturgie: Durch Einschnitte, Schlitze, Ringformen und lineare Durchdringungen verschränkt er Volumen und Leere, Tragwerk und Hülle, Schwere und Balance. Dieser Umgang mit Material und Konstruktion erzeugt eine Choreografie im Raum – Skulptur als „Eingriff“ statt als bloßes Objekt. Bereits frühe Arbeiten zeigen dieses „Bespielen des Raums“, das sich später in größeren Raumgruppen und installativen Setzungen manifestiert.

Kunst im öffentlichen Raum und Kunst am Bau: Skulptur als gesellschaftlicher Ort

Ein Schwerpunkt der Arbeit liegt in Kunst am Bau und Kunst im öffentlichen Raum. Berthel realisierte Brunnenanlagen (u. a. in Münnerstadt, Dittelbrunn, Schweinfurt), Platzgestaltungen (z. B. Milchkannendenkmal in Gauaschach, Dreilämmerdenkmal in Wiesenfeld), Bildstöcke und Sakralskulpturen in Gemeinden Frankens sowie Kirchenraumgestaltungen (u. a. Dittelbrunn, Brünn, Schweinfurt). Seine Skulpturen finden sich darüber hinaus an Skulpturenwegen, in Rathäusern und Stadtparks. Diese Projekte verbinden ortsspezifische Komposition und dauerhafte Materialität mit öffentlicher Teilhabe: Der Stadtraum wird zur Bühne, die Skulptur zum Impuls für Begegnung und Dialog.

Arbeiten, Serien und ikonische Motive: Schlitzfigur, Doppelring und Figur I

Motivisch prägen „Schlitzfiguren“, Doppelring-Formen und Körper-Schnitt-Räume das Werk. In den „Schlitzfiguren“ verschränken sich vertikale Durchdringungen und horizontale Volumina; bei den Doppelring-Skulpturen erkunden elliptische Spannungen und seriell variiertes Arrangement die Dynamik von Kreis und Achse. Arbeiten wie „Figur I“ (Stahl brüniert, Holz farbig gefasst) verbinden tektonische Klarheit mit kraftvoller Farbfassung, die die Oberfläche nicht dekoriert, sondern die plastische Artikulation verstärkt. Diese seriellen Ansätze zeigen, wie Berthel sein Formvokabular über die Jahre analytisch verfeinert und kompositorisch vertieft.

Ausstellungen, Symposien und Lehre: Netzwerke, Austausch und künstlerische Autorität

Seit den 2000er-Jahren intensivierte Berthel seine Ausstellungstätigkeit, u. a. in Franken, Bayern, Österreich und China. Er nahm an internationalen Bildhauersymposien teil und zeigte Arbeiten in Museen, Galerien und Kunsthäusern; die Reihe reicht von Austauschprojekten („Amplitude der Differenz“) bis zu thematischen Gruppenschauen der zeitgenössischen Bildhauerei. Neben der Ausstellungspraxis engagiert er sich als Dozent und Lehrender – etwa 2019 an der Internationalen Sommerakademie in Dresden sowie seit 2020 an der Staatlichen Berufsfachschule für Holzbildhauer in Bischofsheim. Diese Lehrtätigkeit stärkt seine Autorität als Künstler, der Wissen zu Material, Werkzeug, Konstruktion und Oberflächenbehandlung in die nächste Generation trägt.

Rezeption und Fachpresse: Handwerkliche Strenge, semi-archaische Kraft

Die Kunstpresse betont die Verbindung von Handwerklichkeit und ästhetischer Setzung in Berthels Werk. Berichte heben hervor, wie Eisen- und Holzelemente sich in das Material einschreiben, Volumina erweitern und Skulpturen „semi-archaische“ Präsenz verleihen. Diese Lesart verweist auf seine doppelte Kompetenz: einerseits die strenge, präzise Ausarbeitung von Fuge, Stoß und Gefüge; andererseits die sinnliche Wucht des Materials und dessen Resonanz im Raum. Pressestimmen zum aktuellen Ausstellungszyklus in Bamberg unterstreichen zudem die Konsequenz, mit der Berthel Skulptur als raumverändernden Prozess versteht.

Interdisziplinäre Praxis: Von der Skulptur zum Klang

Experimentelle Musik gehört für Berthel zum erweiterten künstlerischen Feld. Mit dem Klangprojekt „Die Autoinduktive und die Freunde der raumgreifenden Melodie“ (gegründet 2009) und dem Soloprojekt „Geräuschdieb“ (seit 2014) erforscht er Überschneidungen von Skulptur, Resonanzkörper und auditivem Raum. Diese Grenzgänge sind kein Nebenschauplatz, sondern erweitern die Komposition: Die Skulptur materialisiert Struktur und Rhythmus, der Klang macht die räumliche Anlage hörbar. In Performances und Rahmenprogrammen zu Ausstellungen verschränken sich so plastische Setzung und akustische Atmosphäre.

Aktuelle Projekte 2026: „unfinished spaces, volume II“ im Kunstraum Kesselhaus, Bamberg

Im März/April 2026 präsentiert der Kunstverein Bamberg im Kunstraum Kesselhaus die Einzelausstellung „unfinished spaces, volume II“. Die Schau setzt einen Werkstrang fort, den Berthel 2020 begonnen hat, und stellt Skulptur als offenen, prozessualen Eingriff in den Raum in den Mittelpunkt. Vernissage und Laufzeit liegen – je nach Veranstalterangabe – Mitte März bis 26. April 2026; flankiert wird die Ausstellung durch ein Rahmenprogramm mit Führungen und einer Finissage mit Klangperformance. Das ehemalige Kesselhaus, heute ein lebendiger Raum für Gegenwartskunst, bietet mit seiner industriellen Architektur eine präzise Resonanzfläche für Berthels seriell angelegte Skulpturengruppen und materialpoetische Installationen.

Werkpraxis: Technik, Oberfläche, Konstruktion

In der Produktion dominieren klassische wie zeitgenössische Verfahren: Schmieden, Schweißen und Brünieren von Stahl; Behauen, Schleifen und thermische Behandlung von Holz; die Bearbeitung von Stein mit Akzent auf Kante, Grat und Fuge. Formale Entscheidungen – Öffnung, Durchstieg, Verschränkung – sind konstruktiv begründet und kompositorisch rhythmiert. Oberflächen modulieren das Licht, halten Spuren der Bearbeitung sichtbar und übersetzen Handwerk in semantische Dichte. Diese Materialrhetorik macht die Skulptur zum Taktgeber des Raums; der Raum wiederum antwortet mit Schatten, Blickachsen und Bewegung der Betrachtenden.

Kultureller Einfluss und Engagement: Berufs- und kulturpolitische Verantwortung

Neben seiner künstlerischen Produktion engagiert sich Berthel seit Jahren in Berufsverbänden. Im BBK Unterfranken bekleidete er von 2011 bis 2020 das Amt des 1. Vorsitzenden; er ist im Landes- und Bundesverband aktiv, wirkt als Delegierter im Verband Freier Berufe Bayern und seit 2021 im Bundesvorstand des BBK. Zudem verantwortet er seit 2022 die Projektleitung für den bundesweiten „Tag der Druckkunst“. Diese Funktionen stärken die Sichtbarkeit bildhauerischer Praxis, fördern faire Rahmenbedingungen und verankern die Rolle der Kunst im sozialen Gefüge – ein wesentlicher Teil seiner Autorität als Künstler der Gegenwart.

Werkverzeichnis (Auswahl) und Einordnung

Öffentliche Arbeiten (Auswahl): Brunnenanlagen in Münnerstadt (Juliusspital), Dittelbrunn (Dorfmitte), Schweinfurt (Christuskirche); Platzgestaltungen u. a. Milchkannendenkmal (Gauaschach) und Dreilämmerdenkmal (Wiesenfeld); Skulpturen in Bad Salzhausen (Kurpark), Abtsgmünd (Skulpturenweg), Stockach (Stadtpark), Poppenhausen (Rathaus) und Kirchheim b. Würzburg (Skulpturenplatz); Kirchenraumgestaltungen in Dittelbrunn („Arche“), Brünn (Altar, Ambo, Tabernakel) und Schweinfurt („St. Johannis“, Emporenbrüstung). Hinzu kommen serielle Skulpturen und druckgrafische Arbeiten, die sein plastisches Denken zweidimensional fortschreiben. In der kunstgeschichtlichen Einordnung verbindet Berthel konstruktive Moderne, materialbewusste Bildhauerei der Nachkriegszeit und eine zeitgenössische, ortsspezifische Praxis.

Fazit: Warum Dierk Berthel jetzt entdecken?

Dierk Berthel bündelt handwerkliche Meisterschaft, klare Formkonzepte und eine Haltung, die Kunst als gesellschaftlichen Raum versteht. Seine Skulpturen sind präzise komponierte Eingriffe, die Seh- und Denkräume eröffnen – im Museum ebenso wie im Stadtraum. Wer zeitgenössische Bildhauerei als lebendige Auseinandersetzung mit Material, Ort und Gegenwart erleben will, sollte „unfinished spaces, volume II“ in Bamberg besuchen und Berthels Werke im direkten Dialog mit der Architektur erfahren. Live entfalten seine Skulpturen ihre ganze körperliche Präsenz, ihren Rhythmus und ihre ruhige, nachhaltige Energie.

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